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Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg e.V.

AWO und Diakonie beklagen Rassismus im Gesundheitswesen

AWO und Diakonie beklagen Rassismus im Gesundheitswesen

Bonn/Siegburg, 17. Juni 2026 – Menschen mit internationaler Biografie erhalten häufig nicht die medizinische Versorgung, die sie eigentlich benötigen.

Strukturelle Defizite und Vorurteile führten dazu, dass viele Betroffene schlechter einen Arzttermin erhielten und falsch behandelt würden, beklagen die Diakonie An Sieg und Rhein und der AWO Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg; „mit teils gravieren-den Folgen für Diagnose und Therapie“. Die beiden Wohlfahrtsverbände fordern eine intensivere Auseinandersetzung mit diesem Problem bei allen Beteiligten im Gesundheitswesen. Sie regen außerdem an, das Thema bei der Ausbildung in allen medizinischen Berufen und in das lokale Gesundheits-Quartiersmanagement aufzunehmen.

„Wer einen migrantisch klingenden Vor- oder Nachnamen hat, erhält schwerer einen Termin bei einem Arzt“, berichtet Maria Neuschaefer-Rube, Leiterin der Integrationsagentur der Diakonie in Siegburg. Das sei auch durch Studien belegt. Sie schildert den Fall eines psychisch schwer kranken Mannes aus dem Rhein-Sieg-Kreis, der über Jahre keine Behandlung erhielt, weil Herkunft, Kultur und Sprache für die angefragten Psychotherapeuten zu komplex gewesen seien. Gerade im ländlich geprägten Kreisgebiet mit einem schwächeren Netz ärztlicher Angebote führe das in der Folge dazu, dass PatientInnen gar nicht oder viel zu spät behandelt würden.

Ihre Kollegin Lena Clever vom sozialpsychiatrischen Kompetenzzentrum Migration (SPKoM) erkennt zwei verschiedene Muster: Einerseits gebe es strukturelle Barrieren und Hindernisse im Gesundheitswesen, zum Beispiel fehlende finanzielle Mittel, andererseits seien die betreffenden Menschen auf der persönlichen Ebene benachteiligt, nicht nur bei der Terminvergabe, sondern auch in der Diagnose und Therapie.

„Menschen mit internationaler Biografie machen vielfältige diskriminierende Erfahrungen.“ Dunkelhäutige Frauen bekämen zum Beispiel zu hören, dass „in ihrer Heimat Gewalt ja normal“ sei und würden häufiger auf sexuell übertragbare Krankheiten getestet als hellhäutige Frauen. „Eine Frau musste sich vom behandelnden Arzt nach einer Operation anhören, dass bei der Schilderung von Schmerzen in ihrer Kultur ja gerne übertrieben wird.“ Eine andere sei trotz Schilderung massiver, immer wiederkehrender Kopfschmerzen mit einer Packung Kopfschmerzmittel nach Hause geschickt worden. „Diagnose? Fehlanzeige!“

Ohne Übersetzung schlechtere Behandlung
Ein wesentliches Problem seien fehlende Übersetzungsangebote, beklagt Neuschaefer-Rube von der Diakonie. Krankenkassen übernähmen Übersetzungskosten nur in Ausnahmefällen. „Diese Sprachbarrieren führen insbesondere bei Zugewanderten der ersten Generation und Ge-flüchteten zu Problemen in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient und beeinträchtigen die Qualität der Versorgung.“ Ihre Integrationsagentur vermittle zwar spezialisierte Übersetzerinnen und Übersetzer. Da dieses Angebot aber durch Spenden finanziert werden müsse, gäbe es keine Garantie dafür, dass jeder Patient darauf zurückgreifen könne.

Eine weitere Ursache sieht Lena Clever darin, dass gesellschaftliche Vielfalt in Ausbildung und Lehrmaterialien bislang nicht ausreichend berücksichtigt werde. Das betreffe sowohl kultursensible Versorgung als auch medizinische Lehrbücher. „Wenn nur helle Haut gezeigt wird, ist es kein Wunder, wenn Ärzte Blutergüsse bei dunkleren Hauttypen nicht erkennen.“

Dr. Timo Slotta, Leiter der Ambulanz an der Universität Köln kann diese Erfahrungen nur bestätigen. Rassismuserfahrungen in der Gesundheitsversorgung seien kein Randphänomen, sondern vielfach belegt, erklärt der Mediziner. „Auch in der Psychotherapie können Aufnahme, Diagnostik, therapeutische Beziehung und konkrete Interventionen durch rassistische Verzerrungen beeinflusst werden, mit potenziell gravierenden gesundheitlichen Folgen für Betroffene.“ Ursache seien dabei nicht individuelle Absichten einzelner Mediziner, sondern strukturelle Defizite: „von Kürzungen im Gesundheitssystem bis hin zur unzureichenden Berücksichtigung gesellschaftlicher Vielfalt in Aus-, Fort- und Weiterbildung.“

Studien zeigten, dass marginalisierte Gruppen von Kürzungen und dem finanziellen Druck im Gesundheitssystem besonders betroffen seien. Das bestätigen auch Maria Neuschaefer-Rube von der Integrationsagentur der Diakonie und Lena Clever vom SPKoM der AWO. Unter dem zunehmenden zeitlichen und finanziellen Druck greife das medizinische Personal häufiger auf Stereotype und Verallgemeinerungen zurück. „Vermeintlich herausfordernde oder komplexe Fälle werden so häufiger im Zugang zu Leistungen benachteiligt.“

Der steigende finanzielle Druck auf den Landschaftsverband Rheinland habe im vergangenen Jahr beispielsweise dazu geführt, dass Sprach- und Integrationsmittler in der LVR Klinik Bonn nicht mehr refinanziert würden. „Dies ist ein Beispiel dafür, dass bei Sparmaßnahmen Ressourcen für marginalisierte Gruppen bevorzugt gekürzt werden.“

„Übersetzungen müssen als Standard-Angebot im Gesundheitswesen bezahlt werden“, fordert deshalb Patrick Ehmann, Geschäftsführer der Diakonie An Sieg und Rhein. „Und das Thema muss dringend in die Aus-bildungs- und Lehrpläne für alle Gesundheitsberufe aufgenommen wer-den“, ergänzt Barbara König, Geschäftsführerin der AWO Bonn/Rhein-Sieg. Der Landschaftsverband Rheinland müsse die Finanzierung der Sprach- und Integrationsmittler wieder finanzieren, sind sich AWO und Diakonie einig. „Vor allem aber muss Diskriminierung im Gesundheitssystem überhaupt erst einmal als Problem erkannt und thematisiert wer-den; auch in der Kreisgesundheitskonferenz und dem Sozialausschuss.“ Denn vor Ort könnte konkret etwas bewirkt werden.

Der Aufbau einer strategischen Sozial- und Gesundheitsplanung für den Rhein-Sieg-Kreis ermögliche seit 2020 einen schärferen Blick in die Quartiere. Mit der Neukonzeption und Weiterentwicklung der Senioren- und Pflegeberatung im Rhein-Sieg-Kreis seit 2021 sei ein zentraler Grundstein für die aufsuchende Beratung gelegt worden. „Migration und Gesundheit muss jetzt auch das Quartiersmanagement einfließen“, fordern Diakonie und AWO im Landkreis.

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